Politik
Knappe Ressourcen für die KI?
Auf einem Feld in Kronstorf bei Steyr baut Google das erste Rechenzentrum in Österreich. 50 Hektar Land werden verbaut, gekühlt wird mit Wasser aus der Enns. Für die Stromversorgung entstehen eine neue Hochspannungsleitung und zwei Umspannwerke. Im burgenländischen Nickelsdorf laufen Diskussionen um ein weiteres Rechenzentrum.
Die erste Ausbaustufe in Kronstorf mit einer Leistung von 150 Megawatt entspricht etwa eineinhalb Prozent des österreichischen Stromverbrauchs. Im Vollausbau sind bis zu 500 Megawatt geplant, was 3,5 Terawattstunden jährlich entspricht. Das wäre der Verbrauch von rund 900.000 Haushalten. Oberösterreich hat 676.000 Privathaushalte. Seither wächst vor Ort der Widerstand. Das Projekt ist behördlich genehmigt – ohne Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Die ist nämlich, anders als für jedes größere Windrad, nicht erforderlich.
Es zeigt sich, was Digitalisierung in der Realität bedeutet: Es braucht nicht nur Chatfenster, sondern auch Beton, Kupfer, Transformatoren und Kühlwasser. Das Rechenzentrum ist eine Fabrik, die an ein öffentlich finanziertes Stromnetz und Wasserversorgung angeschlossen werden muss. Der Bedarf an Rechenleistung wächst stetig. Von der Verwaltung über die Gesundheitsversorgung bis zur Steuerung des Stromnetzes laufen längst Systeme auf genau dieser Infrastruktur – und es werden immer mehr Bereiche.
Bei der Austrian Power Grid AG (APG), die für das Stromnetz in Österreich verantwortlich ist, liegen Netzzugangsanfragen von Rechenzentren über insgesamt rund 2.500 Megawatt vor. Dass diese Anlagen gebraucht werden, steht kaum noch in Frage. Die Fragen sind vielmehr: Wer kontrolliert diese KI-Infrastruktur? Wer entscheidet mit, wie die erforderlichen Ressourcen, Strom und Wasser zur Verfügung gestellt werden können? Und wer finanziert diese?
Warum reicht Effizienz nicht?
Wer über KI spricht, meint meist Chatbots, Übersetzungsprogramme, digitale Lösungen und diskutiert, inwieweit KI die Arbeit erleichtert oder wie viele Arbeitsplätze sie kostet. Über die Fabriken aber, die das erst möglich machen, wurde bislang kaum gesprochen. Das hat sich mit dem Bau des ersten Rechenzentrums in Österreich durch Google geändert. KI ist längst Teil der kritischen Infrastruktur und im Einsatz in der gesamten Arbeitswelt, von der Netzsteuerung über die Gesundheitsversorgung bis hin zur Industrieproduktion.
Die dafür notwendigen Chips werden mit jeder Generation sparsamer. Die Internationale Energieagentur (IEA) nennt die Effizienzgewinne pro KI-Anwendung beispiellos in der Energiegeschichte. Der Gesamtenergieverbrauch sinkt trotzdem nicht, denn sobald eine Anwendung billiger wird, wird sie ungleich häufiger genutzt, und der Effizienzgewinn wird vom Wachstum aufgezehrt. Fachleute nennen dies den Rebound-Effekt. Der ökologische Fußabdruck wächst ständig weitaus mehr, als durch Effizienzgewinne eingespart wird.
Im Jahr 2025 verbrauchten Rechenzentren weltweit etwa 448 Terawattstunden Strom und liegendamit fast siebenmal so hoch wie der Strombedarf Österreichs. Als Nation wären sie damit der elftgrößte Stromverbraucher der Welt. Ihr Strombedarf wuchs allein im Jahr 2025 um 17 Prozent, während die Gesamtstromnachfrage nur um drei Prozent stieg. Laut IEA wird sich der Verbrauch trotz erwarteter Effizienzgewinne bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden verdoppeln und läge damit höher als Japans heutiger Jahresverbrauch. Eine Studie der UN-Universität (UNU) schätzt, dass KI-bedingter Wasserverbrauch 2030 dem Bedarf von 1,3 Milliarden Menschen entsprechen und der Flächenbedarf 14.500 Quadratkilometer erreichen könnte. Die Autor:innen betonen: „Dieser Bericht ist kein Plädoyer gegen künstliche Intelligenz oder technologischen Wandel, der das Leben von Milliarden Menschen weltweit verbessert. Es ist ein Aufruf, sie verantwortungsbewusst einzusetzen und ihre unbeabsichtigten Auswirkungen proaktiv anzugehen, um sie nachhaltig und gerecht zu gestalten. Denn es gibt nur ein kleines Zeitfenster, diese Technologien innerhalb der planetaren Grenzen zu entwickeln.“
Knappe Ressourcen
In Europa erfüllt das Stromnetz mehrere zentrale Aufgaben: Die Klimakrise sorgt für steigenden Bedarf an Kühlung, während sinkende Grundwasserstände weniger Wasserkraft ermöglichen. Gleichzeitig verlangt die Energiewende mehr erneuerbare Energie. Ihr Anteil an der EU-Stromerzeugung soll von 48 Prozent (2024) auf 63 Prozent (2030) steigen. Zugleich brauchen Industrie und Haushalte immer mehr Strom. Das eigentliche Nadelöhr ist jedoch das Netz, da der Ausbau nur langsam vorangeht. Eine neue Übertragungsleitung braucht laut IEA vier bis acht Jahre. Zudem haben sich die Lieferzeiten für Transformatoren aufgrund erhöhter Nachfrage in wenigen Jahren verdoppelt.
Hinzu kommt jetzt auch der steigende Strombedarf für Rechenzentren. Weil heute die meiste KI-Infrastruktur nicht in Europa liegt und nicht unter europäischer Kontrolle steht, wächst die Abhängigkeit von den USA und China. Wie schnell Abhängigkeit in Zwang umschlagen kann, zeigte sich im Juni 2026, als das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic sein fortschrittlichstes KI-Modell auf Anordnung der US-Regierung abschalten musste, um den Zugang für Nicht-US-Bürger:innen zu beschränken. Um dem entgegenzuwirken, ist in Europa die Verdreifachung der Rechenzentrumskapazität bis 2030 geplant. Dieselbe Abhängigkeit prägt die Energiewende. Die Rohstoffe und Bauteile für Wind-, Sonnenenergie und Speicher kommen überwiegend aus China, das seine Ausfuhren zunehmend als geopolitisches Druckmittel nutzt.
Wer entscheidet und für wen?
Im EU-Tech-Souveränitätspaket vom Juni 2026 heißt die erste Säule der Energiestrategie „Energy for AI“. Der Titel zeigt die Richtung an. Das Netz soll die benötigte Energie für die Rechenzentren liefern. Was bei Nutzungskonflikten zwischen Rechenzentrum und Wärmepumpen beim Strom oder zwischen Kühlwasser und Trinkwasser beim Wasser den Vorrang hat, wird jedoch ausgeblendet. Dass im Konfliktfall der Grundbedarf der Menschen Vorrang hat – beim Trinkwasser ist er sogar als Menschenrecht anerkannt –, ist nirgends als Vergabekriterium festgeschrieben.
Wie verbindlich die jeweiligen Vorgaben sind, wird durch die rechtliche Form bestimmt. Die geplante Verdreifachung der Rechenzentrumskapazität bis 2030 ist beispielsweise im „Cloud and AI Development Act“ (CADA) als Verordnungsentwurf rechtlich fixiert. Im Gegensatz dazu sind die energiepolitischen Auflagen, wie eine saubere Energieversorgung oder die Abwärmenutzung, nur in einem unverbindlichen Strategiepapier und einer Absichtserklärung der Industrie festgehalten. Erst bei tatsächlichen Versorgungskonflikten erwägt die Kommission eine EU-gesetzliche Regelung.
Auf nationaler Ebene stellt sich dieselbe Frage. Die APG plant den Ausbau ihres Stromnetzes so, dass die angefragten 2.500 Megawatt für die Rechenzentren integriert werden können. Damit erfüllt sie ihre Verpflichtung, Anschlüsse bereitzustellen und auszubauen. Woran der Ausbau aber nicht bemessen wird, ist die Frage, wer im Falle von Engpässen den Strom bekommt: die Haushalte, das Rechenzentrum, die Elektrifizierung von Wärme etc. Ein entsprechendes Verfahren fehlt hier. Zu diskutieren gilt auch, wer die Kosten für den zusätzlichen Netzausbau trägt. Derzeit übernehmen die Haushalte den größten Teil der Netzentgelte und damit der Ausbaukosten.
Das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) hat diese offenen Fragen frühzeitig benannt. Im September 2025, mit Blick auf den damals geplanten „Cloud and AI Development Act“, forderte es verbindliche ökologische und soziale Leitplanken. Ohne diese würde die EU strukturelle Verwundbarkeiten in ihre digitale Infrastruktur einbauen: konzentrierten Ressourcenverbrauch, intransparente Arbeitsbedingungen und zu wenig gesellschaftlichen Nutzen. Ein Jahr später liegt der Rechtstext nun vor. Die von ETUI geforderten Leitplanken enthält er nicht.
Und für wen wird überhaupt gebaut?
Rechenzentren gelten als Jobmotoren und als Rückgrat der Innovation – ein Narrativ, das Investition unausweichlich erscheinen lässt. In Kronstorf lässt sich nachrechnen, was davon vor Ort bleibt. Rund hundert Dauerarbeitsplätze entstehen. Die Rechenleistung selbst bedient Googles globale Dienste. Zu den Verwundbarkeiten, die das ETUI nennt, zählen zudem die Arbeitsbedingungen. Von der Baustelle in Kronstorf berichtete der ORF über unzumutbare Zustände.
Der behördliche Bescheid für Kronstorf erlaubt im Vollausbau die Entnahme von rund 5,55 Millionen Kubikmetern Wasser pro Jahr, davon eine halbe Million Kubikmeter Grundwasser. Angesichts von Hitzewellen und sinkenden Grundwasserspiegeln wird die Wasserentnahme vor Ort kritisch gesehen. Ebenso die Tatsache, dass das erwärmte Kühlwasser in die Enns zurückfließt und nicht als Fernwärme genutzt wird. Wohin das alles führen kann, zeigt Irland: Dort verbrauchen Rechenzentren inzwischen 23 Prozent des Stroms, während es im Jahr 2015 noch lediglich fünf Prozent waren. Der Verbrauchszuwachs des Landes geht fast vollständig auf ihre Rechnung. In Dublin wird die begrenzte Wasserverfügbarkeit aufgrund der hohen Dichte an Rechenzentren zunehmend zum Thema.
Bedarf an digitaler Infrastruktur gerecht planen
Was gerade in den USA passiert, zeigen die Kosten: Rechenzentren entstehen in der Größe von Kraftwerken. Dies führt zu steigenden Strompreisen und ruft lokalen Widerstand hervor. Die bloße Größe solcher Anlagen sorgt jedoch weder für eine stärkere Industrie noch für bessere Arbeitsplätze.
Europa braucht selbst kontrollierte Rechenkapazität als Teil der kritischen Infrastruktur für Verwaltung, Gesundheit, Forschung und Industrie. Die Steuerung des eigenen Netzes, das nicht auf Anordnung einer fremden Regierung abgeschaltet werden kann, ist ein Bedarf, den es zu planen gilt.
Dafür braucht es klare und verbindliche Regeln, die für alle gelten. Sowohl für das Google-Zentrum in Kronstorf als auch für die weiteren, geplanten europäischen KI-Fabriken. Wenn die Verteilungsfrage politisch ist, braucht sie auch eine politische Antwort: verbindliche Kriterien statt freiwilliger Zusagen für Ressourcenverbrauch, Arbeitsbedingungen und den Nutzen vor Ort.
