Wissenschaft: In Niederösterreich leben heißt pendeln

Pendeln ist für viele Arbeitnehmer:innen in Niederösterreich Alltag. Die neue Pendler:innenanalyse der Arbeiterkammer Niederösterreich untersucht die Wege zum Arbeitsplatz von Arbeiter:innen und Angestellten, die ihren Wohnbezirk verlassen müssen. In der Analyse sind somit Beamt:innen, freie Dienstnehmer:innen und selbständig Erwerbstätige nicht erfasst.

In Niederösterreich wohnen 683.159 unselbständig Beschäftigte, das sind um 3,7 Prozent mehr als noch im Jahr 2019. Davon pendeln rund 32 Prozent in ein anderes Bundesland. Der Großteil pendelt nach Wien, nämlich mehr als jede:r Vierte. Nach Oberösterreich pendeln 3,14 Prozent, die restlichen Bundesländer spielen als Ziel eine untergeordnete Rolle. Zugleich befindet sich der Arbeitsplatz von 581.113 Personen in Niederösterreich. Das ist eine Steigerung um 3,4 Prozent gegenüber 2019. Davon kommen rund 20 Prozent aus anderen Bundesländern. Auch hier ist die Achse nach Wien die wichtigste. Rund 14 Prozent pendeln aus Wien nach Niederösterreich zur Arbeit. Aus dem Burgenland kommen weitere drei Prozent, der Rest verteilt sich auf die anderen Bundesländer. Somit gibt es in Niederösterreich um 102.046 mehr Aus- als Einpendler:innen.

Negativer Pendler:innensaldo

Wie schon im Jahr 2019 ist der Pendler:innensaldo somit negativ und Niederösterreich hat damit weiterhin ein Defizit an Arbeitsplätzen. Vergleicht man die Zahl der vorhandenen Arbeitsplätze mit der Anzahl der niederösterreichischen Berufstätigen, ergibt sich ein ähnliches Bild. Rein rechnerisch (ohne Berücksichtigung von Beruf oder Qualifikation) steht 85 Prozent der in Niederösterreich wohnenden Arbeitnehmer:innen ein Arbeitsplatz zur Verfügung. Allerdings gibt es nur in den vier Statutarstädten St. Pölten, Krems an der Donau, Wr. Neustadt und Waidhofen an der Ybbs sowie in den drei Bezirken Bruck an der Leitha, Lilienfeld und Mödling mehr Arbeitsplätze als berufstätige Einwohner:innen. 

Im Bezirk Bruck an der Leitha sind mit dem Flughafen Wien-Schwechat, der OMV und der Borealis bedeutende Arbeitgeber angesiedelt. Im Bezirk Lilienfeld gibt es traditionell mehrere große Industriebetriebe, wie die Voestalpine Gießerei Traisen, und im Bezirk Mödling befinden sich die Shopping City Süd (SCS) sowie das Industriezentrum Süd (IZ Süd). Allein im IZ Süd sind rund 12.000 Personen beschäftigt. In den Bezirken Gänserndorf, Krems (Land) und Hollabrunn gibt es hingegen ein deutliches Arbeitsplatzdefizit. In Gänserndorf könnten (wiederum rein rechnerisch, also ohne Berücksichtigung von Beruf und Qualifikation) nur 50,2 Prozent, in Krems (Land) 51,0 Prozent und in Hollabrunn 53,5 Prozent der wohnhaft Beschäftigten einen Arbeitsplatz finden.

Mit rund 57 Prozent verlassen deutlich mehr als die Hälfte der wohnhaft Beschäftigten ihren Wohnbezirk auf dem Weg zur Arbeit. Nur rund 23 Prozent arbeiten innerhalb ihres Wohnbezirks und rund 20 Prozent in ihrer Wohngemeinde. Lässt man die vier niederösterreichischen Statutarstädte außen vor, so weisen die Bezirke Gmünd (43,2 Prozent), Waidhofen an der Thaya (38,0 Prozent) und Horn (36,8 Prozent) die höchsten Anteile an Bezirksbinnenpendler:innen auf. Die Bezirke Krems (Land) und Wiener Neustadt (Land) haben mit jeweils 16,4 Prozent den geringsten Anteil an Bezirksbinnenpendler:innen in Niederösterreich.

Industrieviertel ist Arbeitsplatzzentrum in Niederösterreich

Niederösterreich gliedert sich in die fünf Hauptregionen Industrieviertel, Mostviertel, Waldviertel, Zentralraum und Weinviertel. Das Industrieviertel hat wie auch schon 2019 mit 38,5 Prozent den höchsten Anteil an der niederösterreichischen Arbeitsbevölkerung. Auch die hohen Aus- und Einpendler:innenzahlen blieben seit der letzten Analyse weiterhin bestehen. Der Zentralraum stellt mit 24,9 Prozent rund ein Viertel der Arbeitsplätze und ist nach dem Industrieviertel das zweitgrößte Arbeitsplatzzentrum. Fast zwei Drittel der niederösterreichischen Arbeitsplätze fallen in diese beiden Regionen. Auf dem dritten Platz folgt mit 14,6 Prozent der niederösterreichischen Arbeitsbevölkerung das Mostviertel, das allerdings stark mit Oberösterreich verflochten ist. 

Die Zahlen belegen, dass die Bezirke im Weinviertel zwar sehr attraktiv zum Wohnen sind, es hier aber weiterhin einen sehr deutlichen Überhang an Auspendler:innen gibt. Der Pendler:innensaldo im Weinviertel beträgt stolze minus 46.411 und ist somit für fast die Hälfte des niederösterreichischen Saldos verantwortlich. Knapp 44 Prozent der wohnhaft Beschäftigten pendeln zur Arbeit in die Bundeshauptstadt. Abschließend zum Waldviertel: Die Region weist zwar bei den wohnhaft Beschäftigten (Anteil 7,4 Prozent) und der Arbeitsbevölkerung (Anteil 7,8 Prozent) jeweils die geringsten Anteile im Bundesland auf, dafür besteht zwischen den beiden Gruppen aber ein ziemlich ausgeglichenes Verhältnis mit einem leichten absoluten Überhang bei den wohnhaft Beschäftigten. Zudem hat das Waldviertel den geringsten Auspendler:innenanteil. Immerhin könnten theoretisch rund 89 Prozent der Waldviertler:innen in ihrer Region einen Arbeitsplatz finden. Aus dem gesamten Waldviertel pendeln 3.806 Personen nach Wien. Das sind rund 7,5 Prozent der wohnhaft Beschäftigten im Waldviertel, umfasst aber nur rund zwei Prozent der Auspendler:innen aus Niederösterreich nach Wien.