Interview: „Tech-Bros wie Elon Musk wollen die Apokalypse“
Die enorme Hitze des Sommers 2026 macht nachweislich aggressiv. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Klimakrise und autoritären Affekten?
Zahlreiche Studien belegen in der Tat, dass ungewohnt lange Hitzewellen Menschen ungeduldiger und aggressiver machen. Dies ist allerdings nicht der einzige Zusammenhang, der zwischen der Klimakrise und autoritären Affekten erkennbar ist. Energiefragen wie Verbrennerautos versus klimafreundlichere Stromproduktion aus Windkraft sind zentrale Elemente eines rechten „Kulturkampfes“. Rechtsautoritäre Akteur:innen bezeichnen diese globalen Kämpfe um kulturelle Themen als „Metapolitik“ – also als eine politische Strategie, die Wählerstimmen nicht durch Vorschläge zur Lösung materieller Problemkonstellationen wie Arbeitsplatzverlust, Wohnungsnot oder Teuerung gewinnen will, sondern mit konflikthaften Themen die Herzen von Menschen erobern möchte. Angesichts der Hitze am eigenen Leib spüren zu müssen, dass das Beharren auf fossiler Energie ein falsches Versprechen ist, macht aber besonders wütend – weil der Fehler nur schwer eingestanden werden kann.
Ob Klima, Flucht oder Covid, in Krisen scheint es zunächst Anteilnahme zu geben, die bald in Abstumpfung umschlägt. Warum?
Die neoliberale Umgestaltung von Ökonomie, Staatlichkeit und Gesellschaft habt Solidarität und Mitgefühl mit verletzlichen Personen in Not verlernen lassen. Neoliberalismus zielte darauf, die Markt- und Wettbewerbslogik in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verankern, aber auch und vor allem in den Menschen. Die neoliberale Subjektivierung machte – zum Glück nicht alle – Menschen zu Unternehmer:innen ihrer selbst. Sie müssen mit anderen konkurrieren, sie müssen immer besser als die anderen sein und dürfen keine Schwäche zeigen. Dies wurde in den vergangenen 30 Jahren als Lebensmaxime in allen Institutionen, von Schule bis Arbeitsplatz, eingetrichtert und zerstört Solidarität. Verletzbarkeit könnte ja ansteckend sein – will heißen: Die Angst, im Wettbewerb zu versagen, ist allgegenwärtig, und der Umgang mit Menschen in Not führt diese Angst vor Augen.
Weshalb wird in diesen Krisenzusammenhängen eigentlich so wenig über Geschlechterpolitik gesprochen?
Autoritär-rechte Akteur:innen sprechen durchaus von einer „Krise des Geschlechts“, konkret von einer „Krise weißer Männlichkeit“. Im Rahmen der Metapolitik schüren sie eine Geschlechterpanik, in der Männer als Opfer von Gleichstellungspolitik dargestellt werden, als Opfer einer verfehlten Umweltpolitik, die ihnen Verbrennerautos wegnehmen will, als Opfer der „Grünen“, die ihnen den Fleischkonsum verbieten wollen. Eine konsequente Umweltpolitik, die die Ausbeutung von Natur und Umwelt abschaffen will, sollte diesen Zusammenhang sichtbar machen. Geschlechtergleichstellung führt zwar nicht unmittelbar zur Beseitigung umweltschädigender Produktion, doch sie kann die kapitalistischen und patriarchalen Ausbeutungszusammenhänge kritisieren. Ein Fokus auf Sorge für andere Menschen, für das Leben respektiert die Bedeutung von Frauen(-arbeit) in der Gesellschaft und erlaubt einen sorgsamen Umgang mit Naturressourcen.
Statt mehr Care-Arbeit zu leisten, schielen Männer aber meist auf technologische Lösungen ...
Technologische Lösungen werden vor allem von den Tech Bros des Silicon Valley versprochen – allerdings nur für solche Probleme, die für sie selbst und ihre Profitinteressen relevant sind. KI und fossile, energieintensive Technologie sollen Menschen besser mit Maschinen verbinden und so langlebiger machen – indem sie ihren Geist auf Plattformen hochladen und sich der leiblichen Existenz entledigen. Auch Frauen werden so nicht mehr gebraucht. Die Tech Bros wie Peter Thiel oder Elon Musk reden freilich die Apokalypse herbei. Sie wollen die Apokalypse, um sich selbst mit ihrem Geld zu retten, sei es auf dem Mars oder auf einer Technik-Plattform. Diese machistischen Lösungen sollen keine für die Menschheit sein, sondern jetzt möglichst viel Geld für die Technologien beschaffen, damit es dann in der dystopischen Zukunft Rettung für eine auserwählte Elite gibt. Empathie, sagte Elon Musk, sei eines der größten Probleme der modernen Welt. Sie soll durch Technik ersetzt werden. So lassen sich die Probleme der Menschheit und ein gutes Leben aller Menschen nicht realisieren.
Wo müsste aus Ihrer Sicht Politik heute ansetzen, um solidarisch statt autoritär auf die Klimakrise zu reagieren?
Die durch den Neoliberalismus erzeugten Affekte – Ängste, Scham –, die die autoritäre Rechte aufgreift und in Wut gegen „die“ Eliten umformt, sollten politisch aufgegriffen werden. Dazu braucht es die antagonistische Mobilisierung gegen jene Gruppen von Menschen, die neoliberale Politiken durchgesetzt haben und davon profitieren. Auch in Europa sind die Reichen immer reicher geworden. Was macht ein Trillionär mit seinem sinnlos vielen Geld? Dies muss als Ursache der sozialen Probleme – Wohnungsnot, Abbau von Arbeitsplätzen, Inflation – thematisiert werden. Umverteilung sollte nicht mehr wie im Neoliberalismus von unten nach oben, sondern von oben nach unten erfolgen. Dies impliziert zunächst eine gerechte Steuerpolitik. Und politische Akteur:innen jenseits des rechten Spektrums sollten Sorge als lebensnotwendig anerkennen – Sorge für verletzliche Menschen und Sorge für die Umwelt. Dafür braucht es Investitionen, die allerdings nicht zu Lasten von Menschen gehen dürfen, die wenig Geld besitzen. FJ
