Schwerpunkt

Klimaangst

Warum die Klimakrise eine psychologische Krise ist – und wie wir sie besser lösen können

„Der Klimawandel ist, was auch immer er sonst noch sein mag, eine psychologische Krise.“ Mit diesem Satz machte der amerikanische Psychologe Bruce Poulsen bereits im Jahr 2018 auf eine Dimension der ökologischen Zerstörung aufmerksam, die in der öffentlichen Debatte noch immer unterschätzt wird. Während wir über technische Lösungen, Marktmechanismen und geopolitische Strategien diskutieren, übersehen wir, wie sich die Krise in unseren Gedanken und Gefühlen abspielt.

Die Bestandsaufnahme: Wenn die Umwelt die Psyche belastet

Die psychischen Folgen dieser Krise sind heute keine Theorie mehr, sondern für immer mehr Menschen schmerzhafte Lebensrealität. Wie wir in Ausgabe 4/2024 der Wirtschaft und Umwelt berichteten, belasten Hitzewellen, Hochwasser und Dürren die psychische Gesundheit massiv. Die Hochwasserkatastrophe in Österreich im September 2024 hat gezeigt, wie vulnerabel wir sind. Studien belegen, dass Menschen, die von Extremwetter betroffen sind, oft noch Jahre später unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Angstzuständen leiden. Auch Hitze erhöht die Zahl psychischer Erkrankungen und kann zu Gewalt, insbesondere gegen Frauen, führen.

Die ökologischen Veränderungen wirken sich darüber hinaus auch indirekt auf das psychische Wohlbefinden aus. Drei Viertel der jungen Menschen empfinden ihre Zukunft als beängstigend – ein Phänomen, das als Klimaangst oder „Eco-Anxiety“ bekannt ist. Hinzu kommt die „Solastalgie“, die Trauer über den unwiederbringlichen Verlust vertrauter Lebensräume. All dies macht deutlich, dass sich verändernde Umweltbedingungen tief auf das emotionale Erleben und die psychische Stabilität der Menschen auswirken.

Gleichzeitig zeigt sich ein paradoxes Bild: Österreich zählt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, zu den reichsten Ländern der Welt – dennoch nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen seit Jahren zu. Sie gehören mittlerweile zu den häufigsten Gründen für Langzeitkrankenstände und Frühpensionierungen. Die Medizinische Universität Wien wies im vergangenen Herbst darauf hin, dass aktuell in Österreich über zwei Millionen Menschen – etwa 23 Prozent der Bevölkerung – von psychiatrischen Erkrankungen betroffen sind. Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen bilden dabei die traurige Spitze. Die Medizinische Universität konstatiert eine massive Unterversorgung. Der österreichische Klimasachstandsbericht kommt zu dem Schluss, dass Österreich in der Gesundheitsprävention im Rahmen der Klimakrise noch in den Kinderschuhen steckt. Vieles, das als Prävention verkauft wird, ist im Kern lediglich Früherkennung, aber keine echte Förderung der Resilienz. Während man auf offiziellen Portalen in Deutschland, wie etwa dem des Umweltbundesamtes, konkrete Leitfäden zur mentalen Gesundheit findet, sucht man auf vergleichbaren österreichischen Webseiten vergeblich. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es politisch bequemer ist, diese Entwicklungen zu individualisieren und zu pathologisieren, indem besorgte Bürger:innen als „klimahysterisch“ abgetan oder Aktivist:innen kriminalisiert werden, anstatt die psychischen Ursachen und Mechanismen der Krise ernst zu nehmen. Eine solche Politik der Verleugnung spielt jenen in die Hände, die vom Fortbestand der bestehenden Wirtschafts- und Machtverhältnisse profitieren.

Über die Folgen hinaus: Psychologie als Ursache und Ressource

Poulsens These der Klimakrise als psychologischer Krise geht jedoch über die Beschreibung der Folgen hinaus. Er versteht die menschliche Psyche nicht nur als Leidtragende der Klimakrise, sondern auch als einen zentralen Ort ihrer Entstehung. Auf den ersten Blick mag es weit hergeholt erscheinen, eine globale Krise, deren Ursachen tief in ökonomischen, technischen und politischen Strukturen liegen, als psychologische Krise zu bezeichnen. Doch letztlich sind es Menschen, die diese Systeme gestalten und aufrechterhalten. Ihr Handeln beruht auf Werten, Einstellungen und – nicht zuletzt – Emotionen.

Ein Schlüssel zum Verständnis liegt in der Funktionsweise unseres Gehirns, das laut Forscher:innen in seinen Grundzügen immer noch so arbeitet wie vor 35.000 Jahren. Wir versuchen, eine hochkomplexe, globale Bedrohung mit einem Bewusstsein zu steuern, das – nach heutiger Forschung – lediglich etwa zehn Bits pro Sekunde verarbeiten kann. Zur Veranschaulichung: Ein Bit pro Sekunde entspricht etwa einem Tastatur­anschlag pro Sekunde. Demgegenüber steht ein unbewusster Datenstrom von etwa einer Milliarde Bits pro Sekunde, der unsere Sinnesorgane unablässig flutet. Wir blicken also durch ein winziges „Schlüsselloch“ auf die Realität und treffen Entscheidungen auf Basis stark vereinfachter Ausschnitte. 

Um mit dieser Komplexität unserer Eindrücke umzugehen, nimmt unser Gehirn unbewusste Vereinfachungen vor, die sogenannten „Urteilsheuristiken“. Diese mentalen Abkürzungen sind im Alltag hilfreich, können jedoch in komplexen Situationen in die Irre führen. So lässt uns beispielsweise die Verfügbarkeitsheuristik jene Risiken überschätzen, die emotional präsent oder medial stark sichtbar sind (z. B. Kriminalität), während langfristige, abstrakte Bedrohungen wie die Klimakrise unterschätzt werden. Ein weiteres Beispiel ist der „Confirmation Bias“, der dazu führt, dass wir Informationen bevorzugen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Besonders wirksam ist auch die Verlustaversion: Verluste werden bis zu 2,5-mal stärker gewichtet als mögliche Gewinne, was tiefgreifende Veränderungen erschwert. Zusätzlich greift unser Gehirn auf hochwirksame Abwehrmechanismen zurück, um unangenehme Konflikte und Gefühle zu bewältigen. Verdrängung und Verleugnung sind die bekanntesten, aber auch Projektionen, bei denen wir eigene verdrängte Anteile anderen unterstellen, spielen eine Rolle. Diese Mechanismen werden politisch verstärkt durch den „Lukewarmism“ (siehe Schwerpunktartikel Nr. 5)

Um die Dynamik zwischen unserem Verhalten und dem Wirtschaftssystem zu verstehen, hilft ein Blick auf das Drei-Kreise-Modell des Psychologen Paul Gilbert. Er unterscheidet drei grundlegende emotionale Regulationssysteme, die unser Handeln steuern: das Bedrohungssystem (Threat), das Antriebssystem (Drive) und das Fürsorgesystem (Soothe). Das Bedrohungssystem dient dem Überleben und reagiert auf Gefahr mit Angst oder Wut, außerdem aktiviert es Schutzreaktionen wie Flucht oder Erstarrung. Das Antriebssystem motiviert zu Zielverfolgung, Belohnungssuche und Wachstum. Das Fürsorgesystem ist für Beruhigung, soziale Verbundenheit und Sicherheit zuständig. Es wird aktiv, wenn wir uns um andere kümmern oder uns geborgen fühlen, und bildet die psychologische Basis für Kooperation und langfristiges Denken. 

Unser aktuelles Wirtschaftssystem ist überwiegend auf den „Drive“ programmiert: Wachstum, Profitmaximierung und Konsum werden als Glücksversprechen inszeniert. In Kombination mit chronischer Bedrohung – durch Krisen und Existenzängste – gerät das Soothe-System zunehmend ins Hintertreffen. In einem solchen Zustand sind empathische und weitsichtige Entscheidungen nur schwer umzusetzen.

Verleugnung als politisch missbrauchtes Notfallprogramm

Wir müssen verstehen, dass all diese Mechanismen kein Zeichen mangelnder Intelligenz oder moralischen Versagens sind, sondern hochwirksame psychische Schutzstrategien. Auf die Einsicht, dass unsere Lebensweise die eigenen Lebensgrundlagen zerstört, reagiert die Psyche mit Selbstschutz. Kurzfristig ermöglicht dies das Funktionieren im Alltag, langfristig blockiert es jedoch notwendige Veränderungsprozesse. Dieser Umgang ist jedoch kein rein privates Problem, sondern ein Spiegelbild von Machtverteilungen. Einstellungen, Werte und Leitbilder werden sozial erlernt und politisch mitgeprägt.  Arbeiten wie jene der Sozioökonomin Miriam Rehm zeigen Zusammenhänge zwischen Klimaskepsis, konservativen Werthaltungen und traditionellen Männlichkeitsbildern auf. Das Bild des Menschen als „Ingenieur des Planeten“, der die Natur unterwirft und ausbeutet, ist ein zutiefst patriarchales und neoliberales Rollenbild. Eckhart von Hirschhausen erklärte treffend: „Du kannst die Welt nicht ehrenamtlich retten, solange andere sie hauptberuflich zerstören.“ Rehm weist darauf hin, dass eine wirksame Klimapolitik die Infragestellung dieser Männlichkeitsbilder, eine Neuausrichtung der Wirtschaft auf Solidarität und den Ausbau sozialer Infrastruktur erfordert. 

Für Arbeitnehmer:innen ist diese Perspektive zentral. Einerseits nehmen psychische Belastungen im Arbeitsleben zu, andererseits wächst das Gefühl von Ohnmacht angesichts der Vielfachkrise. Während individuelles Konsumverhalten moralisch bewertet wird, darf das neoliberale System an bestehenden Profitlogiken festhalten. Es beutet weiterhin Ressourcen – einschließlich menschlicher Arbeitskraft – systematisch aus und schädigt dabei auch die psychische Gesundheit.

Bruce Poulsen betont dazu, dass es eine Form der Verleugnung gibt, die alles andere als unbewusst ist: die gezielte Leugnung aus kommerziellen Interessen. Hier wird Psychologie zur Waffe. Mächtige Lobbys betreiben seit Jahrzehnten einen enormen Aufwand, um Zweifel zu säen. Sie suggerieren, dass „die Wissenschaft uneinig“ sei oder dass „technische Wunderlösungen“ oder „Technologieoffenheit“ uns ans Ziel bringen. Damit wird unser Drang zur Veränderung aktiv untergraben. Die Klimakrise als psychologische Krise zu begreifen, ist daher alles andere als abstrakt. Es geht um Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit, Gesundheitsversorgung und politische Teilhabe. Die Verleugnung der psychologischen Dimensionen wirkt dabei selbst als Machtinstrument: Sie verhindert kollektive Orientierung und verschiebt Verantwortung auf das Individuum, um den Status quo zu schützen.

Der Befreiungsschlag: Warum wir gewinnen, wenn wir uns für Veränderungen einsetzen

Die Auseinandersetzung mit der psychologischen Dimension der Klimakrise muss nicht in Resignation münden. Im Gegenteil: Die Anerkennung unserer Begrenztheit kann entlastend wirken. Wenn wir akzeptieren, dass wir komplexe Systeme nicht vollständig verstehen und kontrollieren können, eröffnet sich Raum für neue Formen von Wohlstand und Lebensqualität.

Anstelle einer Verzichtsdebatte braucht es eine andere Erzählung: Wir verzichten nämlich nicht auf Lebensqualität, sondern auf eine Illusion, die uns überfordert und krank macht. Ein psychologisch verstandener Wohlstand bemisst sich nicht an ständigem Wachstum, sondern an Zeit, Gesundheit, sozialer Sicherheit und tragfähigen Beziehungen. Wie das jeder für sich in seinem individuellen Leben umsetzen kann, behandelt der zweite Schwerpunktartikel. Politisch bedeutet das: Ausbau sozialer Infrastruktur, Verkürzung der Arbeitszeit sowie eine Wirtschaft, die Fürsorge und Kooperation in den Mittelpunkt stellt. Nur wenn Existenzängste reduziert werden, können Menschen ihre psychischen Ressourcen für gesellschaftliche Veränderung mobilisieren. 

Die Klimakrise ist eine ökologische, ökonomische und zutiefst psychologische Herausforderung. Sie zwingt uns, unsere inneren Schutzmechanismen zu erkennen und zugleich jene Machtverhältnisse zu benennen, die diese Mechanismen gezielt ausnutzen. Die Bewältigung der psychologischen Krise ist somit eng mit einer politischen Befreiung verbunden. Denn psychische Gesundheit und Klimaschutz lassen sich nicht gegeneinander ausspielen – sie bedingen einander. Wir können unsere Lebensgrundlagen nur schützen, wenn wir uns gemeinsam vor Überlastung und Existenzangst schützen.