Schwerpunkt
Klimaangst
Von lauwarmer Vermeidungspolitik zur echten Gestaltung für die Vielen
Immer mehr Menschen, insbesondere Jugendliche, machen sich Sorgen um die Umwelt und über die Erderhitzung. Diese als Eco-Anxiety bekannt gewordene Angst geht über umweltbezogene Sorgen hinaus und beinhaltet auch Gefühle wie Schuld, Wut und nicht zuletzt Hilflosigkeit gegenüber der gesellschaftlichen Trägheit. Die Sorgen sind durchaus berechtigt, solange die Entscheidungen der politisch Verantwortlichen nicht auf einen rigorosen Klimaschutz abzielen. Seit dem Ersten Sachstandsbericht des IPCC zum Klimawandel im Jahr 1990 wurde mehr menschengemachtes CO2 ausgestoßen als in all den Jahren zuvor. Der meiste Ausstoß fand somit zu einer Zeit statt, in der dessen Schädlichkeit bereits allgemein bekannt war. Selbst jetzt ist die Politik nicht willens, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen – in vielen Teilen der Welt sogar weniger als noch vor einigen Jahren. Besonders deutlich wird dies in den USA, aber auch in Österreich, etwa bei der Verteuerung des Klimatickets.
Die Notwendigkeit politischer Rahmenbedingungen
Aber ist gesellschaftliches Handeln denn nicht die Summe individueller Entscheidungen? Liegt es nicht an den Konsumierenden, wie viel Treibhausgase ihr Lebensstil in die Atmosphäre ausstößt? Nicht ganz, denn die persönlichen Handlungsmöglichkeiten werden maßgeblich durch die Rahmenbedingungen mitbestimmt: Ob wir auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen können, hängt vom Angebot einer zumutbaren Infrastruktur ab. Ob wir auf erneuerbare Energien wechseln, hängt von deren Kosten ab. Und wie klimafreundlich die Produkte hergestellt werden, die wir konsumieren, hängt von den Preisen für fossile Treibstoffe ab. Diese werden wiederum durch Steuern und Förderungen bestimmt.
Der Ölkonzern BP propagierte in den früher 2000er Jahren die individuelle Berechnung des ökologischen Fußabdrucks, um von der Verantwortlichkeit der Industrie abzulenken und den Blick auf einzelne Konsument:innen zu richten. Es sollte der Eindruck erweckt werden, dass Einzelne ohne große Opfer gar nichts Maßgebliches für Nachhaltigkeit tun könnten. Den Entscheidungstragenden in Politik und Wirtschaft ist es hingegen sehr wohl möglich, weitreichende Maßnahmen umzusetzen, da sie festlegen, was besteuert oder gefördert wird, worin investiert wird und worin nicht, was ausgebaut und was rückgebaut wird, und nicht zuletzt, wofür oder wogegen massive Stimmungsmache betrieben wird.
Auch wenn in Österreich, Deutschland oder der EU keine so extremen Rückschritte wie in den USA zu verzeichnen sind (wie etwa der US-Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen), so wurden auch hierzulande Maßnahmen zurückgenommen oder abgeschwächt – etwa das sogenannte Verbrennerverbot oder Förderungen für erneuerbare Energien. Dies wird gerne mit wirtschaftlicher Notwendigkeit begründet, obwohl Studien gerade auf die ökonomischen Auswirkungen von mangelndem Klimaschutz hinweisen, von den Kosten für Strafzahlungen, wie sie gerade für Österreich drohen, ganz zu schweigen.
Lukewarmism – Halbherzigkeit in Worten und Taten
Da weder aus ökonomischer noch aus ökologischer Sicht diese Strategie zu rechtfertigen ist, verwundert es nicht, dass sie von unsachlicher Kommunikation begleitet wird. Diese besteht – zumindest bei der aktuellen Bundesregierung – nicht in glatter Klimawandelleugnung, sondern in etwas, das der australische Ethikprofessor Clive Hamilton zugespitzt als „Lukewarmism“ bezeichnet: die „lauwarme“ Ansicht, dass die Probleme mit milden Maßnahmen lösbar wären, die von niemandem eine drastische Umstellung verlangen. Rettung könne etwa durch technische Innovation geschehen, die tiefgreifende, gesellschaftliche Umgestaltung überflüssig macht. Lukewarmism bedeutet also das zu tun, was niemandem weh tut, und zu kommunizieren, als wäre das ausreichend und sogar „vernünftig“. Häufig beruft man sich dabei auf den „Hausverstand“, der im Gegensatz zu angeblich übertriebenen, wirtschaftsgefährdenden Maßnahmen stehe. Dies widerspricht allerdings umweltökonomischen Modellrechnungen, die den wirtschaftlichen Verlust durch mangelndes Handeln als ungleich größer bewerten als die Kosten der Umstellung auf ein klimaneutrales Wirtschaftssystem. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte schätzt den möglichen Schaden durch die Erderwärmung auf 178 Billionen Dollar, wohingegen die Wirtschaft bei koordinierter Klimaaktion um 43 Billionen wachsen würde.
Weiters solle Klimaschutz allein auf freiwilliger Basis umgesetzt werden, ohne gesetzliche Verpflichtungen, wie in der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Christian Stocker (ÖVP) am 7. März 2025 gesagt wurde: „Zudem bekennen wir uns zu Klimaschutz mit Hausverstand. Das bedeutet, dass wir niemandem mit Verboten und Geboten vorschreiben, wie er oder sie zu leben hat. Sondern wir setzen auf Klimaschutz durch Technologie und Innovation.“ Im Parlament spitzt die ÖVP zu: „Wir brauchen mehr Fortschrittsoptimismus und weniger Weltuntergangsgejammere […].“ Übersetzt bedeutet dies: Menschen, die sich für den – aus wissenschaftlicher Sicht absolut geforderten – konsequenten Klimaschutz einsetzen, gelten demnach als „Jammerer“. Damit wird die gesamte Klimaforschung diffamiert.
Auch die Klimabewegung wird abgewertet. Die jetzige Kanzleramtsministerin Bauer (vormals Plakolm) ging im Standard-Interview vom 10. August 2023 sogar so weit, Umweltdemonstrant:innen als „nicht normal“ zu bezeichnen. „Normal“ seien für sie jene, die „in der Früh aufstehen, arbeiten gehen, Steuern zahlen“ – ohne angeben zu können, warum Klimaaktivist:innen angeblich keine Steuern zahlen und nicht zur Arbeit gehen. Anstatt die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, diskreditiert eine solche Politik jene, die sich engagieren und solche Maßnahmen zu Recht fordern. Parallel dazu werden höhere Strafen für den zivilen Ungehorsam von Klimaaktivist:innen verlangt.
Somit besteht eine zweifache Verantwortungslosigkeit angesichts der Erderhitzung: die Unterlassung von Maßnahmen und die klimaschutzfeindliche Kommunikation. Letztere wird, wenn die Menschen ihr Glauben schenken, den politischen Druck zur Bekämpfung der Erderhitzung senken und gegebenenfalls sogar derart großen politischen Gegendruck aufbauen, dass damit die Problembewältigung nachhaltig verhindert wird. Zudem besteht die Gefahr, dass sie sogar den Weg für die Akzeptanz noch extremerer Anti-Klimaschutzpositionen ebnet, wie sie von vielen rechtspopulistischen Parteien vertreten werden.
Verantwortungsvolle Politik
Die Sinnhaftigkeit nationaler Maßnahmen mag angesichts der globalen Dimension der Umweltprobleme schwierig zu kommunizieren sein. Insbesondere wenn die Notwendigkeit zur Kooperation gerne als Ausrede genutzt wird, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen, à la „Wenn die Chinesen nichts tun, ist unser Beitrag sinnlos“. Die Fahrlässigkeit dieser Argumentation wird unmittelbar aus der Tatsache ersichtlich, dass die Pro-Kopf-Emissionen in China ähnlich hoch sind wie in Europa. Man könnte also mit gleichem Recht in China dieselbe Schlussfolgerung ziehen, woraufhin nach dieser „Logik“ niemand etwas tun müsste.
Im Gegensatz zu dieser aktuellen, doppelt unverantwortlichen Politik würde eine doppelt verantwortliche bedeuten, dass man einerseits handelt, wo es möglich ist, und andererseits die Notwendigkeit des Handelns auch entsprechend kommuniziert – selbst dort, wo die eigenen Handlungen hinter dem Notwendigen zurückbleiben sollten. Verantwortungsvolle Politik kann wirksame regionale Projekte umsetzen und zumindest über lokale Erfolge berichten, die für sich genommen wertvoll sind und eine sauberere, gesündere oder lebenswertere Umwelt geschaffen haben. Umweltpsychologische Studien belegen seit langem die gesundheitsförderliche Wirkung des Zugangs zu Grünräumen: Ein hoher Grünanteil in Wohnumgebungen senkt nicht nur Stress, verbessert die Stimmung, die Immunfunktion und die kognitive Leistungsfähigkeit, sondern reduziert auch das Risiko psychischer Erkrankungen sowie physiologischer Erkrankungen wie Diabetes.
Insofern sollte das Bereitstellen von Zugang zu Grünraum eigentlich eine Pflichtaufgabe der Politik sein. Dass dies teilweise auch bereits erkannt wird, zeigt sich an der beginnenden Umgestaltung urbaner Räume, bei der Klimawandelanpassung und Wohlbefinden zusammengedacht werden. Als aktuelles Musterbeispiel wird gerne Paris herangezogen, das in den letzten Jahren zahlreiche Straßen begrünt und das besonders symbolträchtige Vorhaben umgesetzt hat, den Rathausplatz in einen Wald zu verwandeln. Aber auch in Wien brachten Initiativen wie „Raus aus dem Asphalt“ seit 2021 ein Mehr an 74.000 m2 Begrünung im Straßenraum sowie 3.004 neue Bäume. Projekte wie diese schaffen sozialen, ökologischen und ökonomischen Mehrwert für viele und verbinden sichtbar Klima- und soziale Gerechtigkeit miteinander. Sie ermutigen und belohnen, statt Engagement abzuwerten und Verzweiflung zu schüren.
Davon, sich den Problemen nicht zu stellen, profitieren allenfalls einige wenige vorübergehend, indem sie die Kosten für die notwendige Umstellung aufschieben können. Den Schaden trägt jedoch die Allgemeinheit. Mittlerweile kann jeder Mensch in Österreich mit freiem Auge erkennen: Die Winter werden kürzer, die Gletscher schmelzen ab und die Seen frieren nicht mehr so stark wie früher zu. Mag der Winter 2025/26 auch als unerwartet kalt gelten, im langjährigen Vergleich ist er es nicht. Es wird also immer wärmer, und das weltweit. Wenn uns der „Hausverstand“ tatsächlich etwas zu sagen hat, dann das: Die Klimakatastrophe lässt sich nicht durch Untätigkeit und Verleugnung abwenden. Davon hat niemand etwas. Von angemessenen Maßnahmen hingegen profitieren wir alle.
