Leben

Bioplastik aus biologisch abbaubaren Materialien – Hoffnungsschimmer und Realitätscheck

Plastikprodukte und -verpackungen begleiten uns ständig. Sie erfüllen sicherlich viele Wünsche und Anforderungen von Produzenten und Konsument:innen. Aber gleichzeitig erzeugen sie bei vielen ein schlechtes Gewissen. Muss alles so aufwendig verpackt sein? Ist es notwendig, dass Meere und Umwelt durch Plastik und Mikroplastik verschmutzt werden? Hier klingen „Bioplastik“, „biologisch abbaubare Kunststoffe“ oder „biobasiertes Plastik“ aus nachwachsenden Rohstoffen nach einem einfachen und ökologischen Ausweg.

Wie schaut es derzeit damit aus? Auf europäischer Ebene hat sich der Kreislaufgedanke durchgesetzt. Er soll nun mit den Zielen der Bioökonomiestrategie Hand in Hand gehen. Die Strategie hat sich von der Ernährungssicherung und dem Ressourcenschutz im Jahr 2012 über den Schwerpunkt Nachhaltigkeit bis zur aktuellen Version in Richtung wettbewerbsfähiger Bioökonomie entwickelt. Deshalb sollen Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Mais, Weizen oder Zellulose, zur wirtschaftlichen Resilienz in Europa beitragen und die EU grundsätzlich von fossilen Rohstoffen unabhängiger machen. Darüber hinaus soll die Bioökonomiestrategie die ländlichen Regionen, die Landwirtschaft und Industrie stärken. Forschung und Innovation in diesem Bereich hat bereits zu neuen Materialien geführt, die in Gebrauchsgegenständen, Textilien oder Verpackungen angewendet werden. 

Große Chancen für eine breite Anwendung werden derzeit im Verpackungsbereich gesehen. Zentral dabei ist, dass Stoffe aus natürlichen Polymeren, deren chemische Struktur unverändert bleibt, per Definition nicht als Kunststoff im klassischen Sinne, sondern als natürliche Alternativen gelten. Die Einwegkunststoffrichtlinie und die neue Verpackungsverordnung tragen dem bereits Rechnung. Eine durchgehende konsistente Definition für biologisch abbaubare Materialien im Sinne der Kreislaufwirtschaft fehlt jedoch. Ein aktuelles Anwendungsbeispiel sind die Netze aus Zellulose im Lebensmitteleinzelhandel für Obst und Gemüse. 

Was bedeutet „abbaubar“ und woran erkennt man das?

Hier taucht jedoch ein praktisches Problem auf, das Sie mittels unseres Bildbeispiels selbst austesten können. Sehen Sie einen Unterschied zwischen den Gemüsenetzen? Wie sollen Konsument:innen, die ökologisch einkaufen wollen, die neuen Stoffe erkennen, wenn diese kaum zu unterscheiden sind? Auch die Begriffe „Bioplastik“, „Biokunststoff“ oder „biobasiert“ klingen irritierend ähnlich. Zudem sind die Kunststoffe aufgrund der jeweiligen Rohstoffe, aus denen sie gefertigt werden, entweder „fossil“ oder „nachwachsend“ oder eine Mischung aus beidem. Wenn sie zu Abfall werden, sind sie mal „biologisch abbaubar“, mal „nicht abbaubar“ und mal „kompostierbar“. Alles klar? 

Rechtlich gesehen ist so viel klar, dass die Norm EN 13432 bestimmt: „Biologisch abbaubar“ ist ein Material dann, wenn es innerhalb von sechs Monaten zu mindestens 90 Prozent abgebaut ist. Als „industriell kompostierbar“ gilt es dann, wenn nur drei Monate für 90 Prozent benötigt werden.

Wenn die Materialien mit freiem Auge kaum zu unterscheiden sind, geben Produktkennzeichen und Labels Konsument:innen Orientierung bei Einkauf und Entsorgung? Auf den Anteil nachwachsender Rohstoffe im Produkt gibt die Zertifizierung von „OK biobased“ des TÜV AUSTRIA und „biobasiert DIN geprüft“ mit dem Prozentsatz Auskunft. Eine einfache Hilfestellung zum Erkennen von biologisch abbaubaren Verpackungen soll das sogenannte „Keimling“-Symbol geben. In Verbindung mit der Norm EN 13432 für kompostierbare Verpackungen wird garantiert, dass unter industriellen Bedingungen die Verpackung in drei Monaten biologisch abgebaut ist. Es gibt außerdem mehrere Varianten der Siegel, die sich optisch leider sehr ähneln. Sie beschreiben die gesamte Palette von „biobasiert“, aus nachwachsenden und nicht nachwachsenden Rohstoffen und geben an, ob die Materialien zur industriellen bzw. Gartenkompostierung geeignet sind. Es ist somit fraglich, ob Konsument:innen aufgrund der fachlichen Feinheiten und optischen Ähnlichkeit der winzig abgedruckten Labels überhaupt eine bewusst nachhaltige Entscheidung treffen können. 

Mehr Unterstützung für nachhaltigen Konsum

Darf „Bioplastik“ somit in den Biomüll und wird daraus Kompost? Erfahrungsberichte zeigen leider, dass Bioplastik zum einen häufig mit konventionellem Plastik verwechselt wird und zum anderen seine positive Umweltwirkung überschätzt wird. Herkömmlicher Biomüll wandelt sich in drei Monaten zu Kompost. Bioplastik, sofern es aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen besteht, kann unter optimalen, industriellen Bedingungen in dieser Zeit in immer kleinere Teile zerfallen. Wenn allerdings keine optimalen Bedingungen herrschen, dauert es länger. Sollten die Kunststoffe jedoch fossile Anteile enthalten, dann müssen diese als Störstoffe mühselig und meist händisch mit zusätzlichen Kosten – abgedeckt über die Müllgebühren – aus dem Kompost entfernt werden. Zwischen zwei und acht Prozent des Bioabfalls sind Plastikstörstoffe. Eine pragmatische Lösung läge in einem Verzicht auf Vorsammelhilfen bzw. einem Gebot für Papiersackerl, die Haushalten von vielen Gemeinden und Abfallwirtschaftsverbänden als kostenlose Vorsammelhilfen zur Verfügung gestellt werden.

Die Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen ist grundsätzlich zu begrüßen. Aber zum einen sollte ihre Herstellung nicht zu den notwendigen Lebensmitteln in Konkurrenz stehen und zum anderen müssen ihre Produktion und ihr Abbau ökologisch sein. Konsument:innen benötigen jedenfalls weitere Informationen und eine eindeutige Kennzeichnung, auch um Greenwashing zu vermeiden. Denn eins ist sicher: Die Verbraucher:innen wünschen sich einfache, glaubwürdige und umweltfreundliche Lösungen