Wissenschaft: Energiearmut in Österreich

Wie fühlt sich Armut eigentlich an? Das ist eine Frage, die vielen Menschen unangenehm ist. Deshalb wird Armut häufig versteckt. Umso wichtiger ist es, Armutsphänomene wissenschaftlich zu erfassen, um gesellschaftspolitisch herauszuarbeiten, wo der Schuh drückt, und passende Hilfsangebote bereitstellen zu können. Ein bisher zu wenig erfasster Faktor ist die Energiearmut. Wenn sich eine Familie das Beheizen ihrer Wohnung beispielsweise nicht mehr leisten kann oder Zahlungsrückstände bei den Stromkosten dazu führen, dass abends das Licht ausgeht, dann spricht man von „Energiearmut“. Haushalte, in denen auf die notwendige Energie zum Bestehen des Alltags verzichtet werden muss, gelten als „energiearm“.

Hier spielen viele Faktoren zusammen: niedrige Einkommen, hohe Energiekosten und geringe Energieeffizienz. Wichtig ist zunächst festzuhalten, dass die Betroffenen meist keinen oder nur sehr geringen Einfluss auf diese Faktoren haben. Wer einen schlecht entlohnten Beruf hat, kann daran auf die Schnelle nicht viel ändern. Auf die Höhe der von internationalen Energiemärkten abhängigen Energiekosten haben Verbraucher:innen ebenfalls keinen Einfluss. Weil die meisten von Energiearmut betroffenen Menschen zur Miete wohnen, haben sie auch kaum Möglichkeiten, die Energieeffizienz ihrer Wohnung zu steigern. Maßnahmen sind hier mit hohen Errichtungskosten verbunden und können aufgrund des Mietverhältnisses meist gar nicht umgesetzt werden, da Mieter:innen nicht darüber entscheiden dürfen, ob und was thermisch saniert wird. Nimmt man all diese Einflussfaktoren zusammen, waren im Jahr 2024 12,5 Prozent der Haushalte in Österreich als energiearm anzusehen. Durch die sich verschärfenden weltpolitischen Krisen wird dieser Prozentsatz wohl gerade höher. 

Wie Energiearmut messen?

Die Wissenschaft steht somit vor der Aufgabe, Energiearmut zu messen. Die Leiterin der Stabsstelle Analyse der Statistik Austria, Alexandra Wegscheider-Pichler, berechnet bereits seit Längerem Indikatoren für die Messung von Energiearmut. Was bisher allerdings fehlte: eine Zusammenschau aller Einflussfaktoren auf Energiearmut. 

Es gibt insgesamt vier Indikatoren, also Werte, die anzeigen, ob Energiearmut vorliegt. Der erste Einzelindikator (E1) „Hohe Energiekosten“ trifft zwar grundsätzlich alle Haushalte, ist für vermögendere Haushalte allerdings weitgehend unerheblich. Hierin kann bereits eine nicht unbedeutende Ungerechtigkeit erkannt werden. Während für den vermögenden Teil der Gesellschaft hohe Energiekosten ärgerlich sind, bedeuten sie für den von Armut gefährdeten Teil existenzielle Not. 

Auch der Einzelindikator (E4) „Schlechte Wohnverhältnisse“ muss genauer betrachtet werden. Denn wer in einem schlecht isolierten Haus mit möglicherweise schadhaftem Dach wohnt, ist nur potenziell von Energiearmut betroffen. Wenn das Haushaltseinkommen hoch genug ist, dann werden die höheren Energiekosten schlicht bezahlt, ohne dass es zu Einschränkungen im Lebensstil kommt – oder man zieht einfach um. Erst wenn zu den schlechten Wohnverhältnissen eine Armutsgefährdung hinzukommt und damit der Handlungsspielraum eingeschränkt ist, muss von Energiearmut gesprochen werden. 

Die Einzelindikatoren „Energievermeidung aufgrund Nicht-Leistbarkeit“ (E2) und „Zahlungsrückstände bei Strom- und Heizkosten“ (E3) können jedoch auch bei nicht armutsgefährdeten Haushalten zu Energiearmut führen. Denn es kann den Fall geben, dass Haushalte aufgrund ungewöhnlich hoher Energieausgaben und daraus entstehender Zahlungsrückstände in Energiearmut rutschen. Auch durch Energievermeidung kann eine mögliche Energiearmutsgefährdung kaschiert werden: Man sitzt im Winter in der kalten Wohnung und friert, um ja keine Nachzahlung bei der nächsten Energierechnung zu haben. 

Umgekehrt können Familien trotzdem als armutsgefährdet gelten, wenn sie zwar in gut gedämmten Gebäuden mit günstigem Heizsystem wohnen und damit nicht von Energiearmut betroffen sind, aber zu wenig Einkommen haben, um ihr Leben zu bestreiten. Es zeigt sich daher klar: Wenn Energiearmut als Teil von Armutsgefährdung bekämpft werden soll, braucht es sowohl energiepolitische Maßnahmen, die beispielsweise eine bessere Energieeffizienz der Wohnungen ermöglichen, als auch zugleich sozialpolitische Maßnahmen zur Einkommensunterstützung. 

30_WUM_2026_2_Grafik_©Julia Stern.jpg

Einkommensarmut als ein Teil von Energiearmut

Der Blick auf die Energiearmut zeichnet ein präzises Bild österreichischer Armutsgefährdung. 
Bei den sozioökonomischen Merkmalen zeigt sich, dass in 42,1 Prozent der von Energiearmut betroffenen Haushalte zumindest eine Person mit Langzeitarbeitslosigkeit konfrontiert ist oder bei 38,8 Prozent eine Abhängigkeit von Sozialleistungen besteht. Ebenso betroffen sind 41 Prozent der „Working Poor“, also Personen, die mit ihrem geringen Arbeitslohn kaum wirtschaftlich auskommen. Die demografischen Merkmale belegen, dass Einpersonenhaushalte, Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kindern bei Energiearmut hervorstechen – das zeigt auch gleichzeitig die besondere Betroffenheit von Frauen. Die regionalen Merkmale veranschaulichen, dass Energiearmut vor allem städtisch ist und eher in den dicht besiedelten Gebieten mit mehrgeschoßigem Wohnbau auftritt.

Link

Alexandra Wegscheider-Pichler Energiearmut in Österreich 2026 – Ein neuer Gesamtindikator nach soziodemo­grafischen Merkmalen. 

Abrufen unter:Link